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In Allgemein on 28. August 2011 at 10:45 am

… wird vorübergehend stillgelegt, da ich mich entschlossen habe, der Bitte von Barbara Bongartz Folge zu leisten, als Stylistin und ästhetische Beraterin ihres autobiographischen Projektes 

 

AM EIGENEN LEIB

mitzuwirken. Aus diesem Grund ist es mir  leider auch nicht möglich, über die  Buchpremiere von Freddy Leszczynski in Berlin zu berichten,

die deswegen so bemerkenswert war, weil eine Reihe illustrer Persönlichkeiten als lookalikes

zugegen waren. Die Inszenierung war perfekt und ein  großer Genuß, leider gestört durch eine Touristengruppe und sintflutartige Regenfälle. Genauer ist das nachzulesen in dem bald erscheinenden Roman DIE SCHÖNEN UND DIE  REICHEN www.weissbooks.com.

„AM EIGENEN LEIB“, sagt Barbara Bongartz in einem Interview, „begann als lose Sammlung von Texten und Bildern

zu den Assoziationsfeldern Körper, Kleider, Leib, Dinge nach einer Brustkrebserkrankung, die eine Reflektion

über die allgegenwärtige Differenz von Körper, Geist, Psyche in Gang setzte und als ungelöstes Problem von Bewußtseinsspaltung und Unbehaustsein weiterhin präsent ist. Allerdings ist die Brustkrebserkrankung eher Anlaß der Thematisierung gewesen, als daß sie zentrales Ereignis in meinem Projekt bleiben wird. Durch die Krankheit und die Reaktionen meiner Umgebung wurde mir klar, welchem Oktroi  ich unterworfen bin und daß ich es nicht allein bin, die diesem Oktroi unterworfen ist, wo der kulturelle Standpunkt angesiedelt ist, auf dem ich mich befinde und wie eng daran angelehnt meine Sichtweise ist. Die Panik, Wellen zwischen Todesangst, Aufbegehren und der Furcht, Verloren zu gehen, letztlich alles Gestimmheiten, die ich seit meiner Kindheit kenne, offenbarten sich nicht nur als echte Gefühle, sondern auch als gesellschaftlich geforderte Verhaltensweisen. Der Leib, oder besser, das Vergessen um den Leib, die Leugnung des Leibes ist das zentrale Thema, um das die anderen Themen Körper, Kleider, Dinge, Psyche, Verbildlichung, Verschriftlichung: also innere wie äußere Welten wie Trabanten kreisen. Dabei spielt eine wesentliche Rolle das Verbot des Körpers mit all seinen Implikationen, auch das Verbot der Wahrnehmung des Körpers sowie das Verbot der Reflektion der Wahrnehmung des Körpers. AM EIGENEN LEIB ist eine Rekonstruktion, die all das berücksichtigt, eine Analyse von Funktionsmechanismen, die mir in der Einbettung gesellschaftlicher (auch religiöser) Umstände,

genetischer Herkunft und familiärem Einfluß

zugestoßen sind, welche ich verworfen, abgestoßen, stillgelegt und welche ich integriert und kultiviert habe. Ich mache mich selbst zum Objekt der Analyse, da ich mich am besten kenne.  Aber es geht  keineswegs um ein Ich, nicht um die Frage des wer bin ich, die mich nicht interessiert. Es geht um die Frage, wie ein Leib sich konstituiert, was er tut, um trotz Leugnung und Fragmentierung weiterexistieren zu können – und das keineswegs nur in unserer westeuropäischen Gesellschaft. Wie gefährlich für eine Gesellschaft der Zusammenhang ist, den ich Leib nenne, nehme ich gerade in einem islamischen Land lebend wahr, dessen Forderungen und Verbote sich gar nicht so unähnlich den unseren gerieren, allerdings wesentlich krasser, dramatischer, offensichtlicher und absolut gnadenlos sind.

Leib ist das, was das Ich nicht mehr beantworten kann. Leib schließt die  Differenz ein, wenn ein Ich von seinem Körper spricht. Diese Problematik ist dem Kranken oder Fragmentierten präsenter als dem gesunden Menschen, es ist eine in jeder Hinsicht bedrohliche und beängstigende Situation, der vermutlich die heute allgegenwärtige Forderung nach Gesundheit intuitiv vorausgeht. Leib geht über Körper hinaus,  füllt die kulturell angelegte und geforderte Differenz zwischen Körper, Psyche, Geist, schließt die gesamte Welt des Unbewußten ein, aber eben auch das Außen. Leib ist mehr als das Freud’sche Instanzenmodell umfaßt: all die permanent wachsende und vergehende Umwelt des Einzelnen gehört dazu und seine Reaktionen darauf sowie die Reaktionen auf seine Reaktionen … Warum es deutlich wurde ausgerechnet in einer lebensbedrohlichen Krankheit ist einfach: was geschieht mit dem fragmentierten, angegriffenen Leib,

von dem nur der Körper sichtbar ist, und wie kann ein kleines Ich ihn schützen, wenn er einem allgemeinen Verbot unterliegt? Viele Menschen in der gleichen Situation, die ich kennengelernt habe, haben sich ihr Weiterleben mit demütigen und demütigenden Gesten erkauft, erkaufen müssen, wie ich bereits am Beispiel prominenter Frauen in meinem Essay DIE SCHÖNEN UND DAS BIEST beschrieb – mitunter sogar ihr Sterben, wie Christoph Schlingensief  zeigte.  In  vielen stark religiös geprägten Kulturen müssen sich Frauen mit diesen Gesten ihr tägliches Leben erkaufen …

Das sind die Forderungen unserer Gesellschaft, die schwer zu unterlaufen sind und die mich deswegen um so mehr interessieren.

Das war der Ausgangspunkt. Deswegen die Analyse.“

Das gesammelte Material wird in den folgenden Jahren zu einem Buch verarbeitet werden, das ein Motto von Maurice Merleau-Ponty unter dem Titel führt: „Es ist das Fleisch der Dinge selbst, das uns von unserem Fleisch erzählt und dem der anderen.“ 

 

Barbara Bongartz verdankt das Zitat der Filmemacherin und Photographin Miriam Jakobs www.filmundkontext.de, die z.Zt. einen photographischen Essay mit dem Arbeitstitel DAS FLEISCH DER DINGE vorbereitet.

Anfragen und Kommentare zu allen Einträgen auf diesem blog werden weiterhin von meiner Nichte und Assistentin Chang Mimi

bearbeitet.