Prada Som

AM EIGENEN LEIB

In Allgemein on 27. Oktober 2010 at 1:14 pm

DIE SCHÖNEN & DAS BIEST

Contribution to the pink month 2010 von Barbara Bongartz

Es ist eine Krankheit. Ihre Herkunft ist mysteriös. Anlaß und Auslöser sind unbekannt. Sie ist variantenreich. Sie wirkt von innen und durchdringt das Gewebe. Sie ist Teil des menschlichen Körpers, der außer Fassung gerät. Ihre ausufernde, oft tödliche Wirkung machte sie schon vor fast 4000 Jahren zur Projektionsfläche menschlicher Phantasie. Mythenbildungen dienten der Erklärung für etwas, das nicht erklärbar war. Und ist: bis heute entzieht sie sich der Erforschung. Ihren Namen verdankt die Krankheit allein ihrem Erscheinungsbild: ein Tumor von unregelmäßiger Form, und die Venen, die darum liegen sind wie die gebogenen Beine und Füße dieses Tieres, das Krebs genannt wird, schrieb Ambroise Paré Mitte des 17. Jahrhunderts. Dem Mammakarzinom kommt unter den Krebserkrankungen eine besondere Bedeutung zu. Die weibliche Brust bestimmt Körpergefühl, Identität und Psyche einer Frau und ist zudem symbolisch aufgeladen: Sie steht ebenso für sexuelle Attraktion wei für Mutterschaft. All das ist bedroht, wenn eine Frau an Brustkrebs erkrankt. Über die reine Gefährdung des Körpers hinaus erleidet sie einen Schock, der ihren Platz in der Gesellschaft in Frage stellt. Diese Faktoren prädestinieren Brustkrebs seit jeher für Irrationalismus, Metapher, Erzählung. In den letzten Jahren ist diese hilflose Abwehr pervertiert. Brustkres goes Boulevard: die Regenbogenmagazine haben eine scheußliche Krankheit als glamourtaugliches Drama entdeckt, mit dem Auflagenstärke zu erzielen ist. Unter Vortäuschung von Aufklärung und Empathie bedeint sich die Branche schöner prominenter erkrankter Frauen. Wir alle kennen diese Namen: LINDA MC CARTNEY, BARBARA RUDNIK; ANASTACIA; KYLIE MINOGUE, MARIANNE FAITHFUL; CHRISTINA APPLEGATE, CYNTHIA NIXON, SONIQUE und unlängst SYLVIE VAN DER VAART. Die Artikel dazu sind austauschbar, die Aussagen erscheinen lächerlich stereotyp für ene äußerst differenzierte Krankheit, die jede Frau anders am eigenen Leib erlebt. Bemerkenswerter noch als die Uniformität der Texte (egal ob „Reportage“ oder Interview sind die Inszenierungen der Cover und Photostrecken. Sylvie van der Vaart steht für viele. Erstaunter, waidwunder Blick aus riesigen Augen. Halbgeöffnete lIppen. Ein Gesamteindruck geheimnisvoller Entrückung. Die früher so bekannte blonde Löwenmähne ist einem Kurzhaarschnitt gewichen, der an Mia Farrow in ROSEMARY’S BABY denken läßt. So war die TV-Moderatorin vorher nie zu sehen. Eine neue Kampagne, fragt man sich zunächst. Ein neuer Job? Was ist geschehen? Wir erfahren es, wenn wir die Headline lesen. Es geht nicht um Sylvie van der Vaart. Es geht nicht um ihre Geschichte. Es geht darum, was sie mit den anderen berühmten Schönen teilt – und mit vielen unbekannten Frauen gleichen Alters, die nicht so attraktiv sind wie sie. Sylvie ist eine der Schönen im Kampf um das Biest.

Das wirklich Perfide dieser Situation aber liegt in einer eigentümlichen Verschränkung von „Berichterstattung“ und populärer Meinung, und es ist schwer zu sagen, was sich aus welchem speist. Sicher ist nur eins: die Inszenierungen sind ein Beispiel dafür, wie unsere gegenwärtige Gesellschaft sich gegenüber einer Krankheit jenseits des objektiven Fortschritts der Medizin geriert. Die vorgeführte Stilisirung des Mammakarzinoms als Boulevardereignis ist zum einen märchenhafte Verharmlosung, die einen alten Mythos bemüht. Zum anderen zeigt sich darin die gnadenlose Sensationslust einer Gesellschaft, der das Gespür für Intimität und Diskretion abhanden gekommen ist ganz im Sinne des FACEBOOKgründers Mark Zuckerberg, der Privatsphäre für Schnee von gestern hält. Die Inszenierung der Krankheit und – in einigen Fällen – des Todes folgt der Idee, das Letzte, was man aus einem Menschen herausholen kann, herauszuholen und zu vermarkten. Es geht um die Verwertung des Körpers im Geiste der Revue. Frau van de Vaart wurde gleich von zwei Magazinen in einem mehrseitigen Editorial prästentiert, das jeweils an eine Modestrecke denken ließ und bildlich nicht einmal ansatzweise eine Assoziation zur Krankheit erlaubte. Auch der Text beinhaltet keine klinisch oder pathologisch orientierte Fragen, keine Hilfe, Behandlungsmethode, kein offenes Wort gegenüber einer alltäglichen banalen, traurigen, überhaupt nicht glamourösen Situation. er ordnet die Photographien lediglich thematisch zu. Ohne den Text, der die Rettungsgeschichte vor dem Monster und die Entdeckung eines neuen Lebens erzählt, wäre man versucht zu denken, Frau van der Vaart hätte den Friseur und den Visagisten gewechselt, eine Art vorher/nachher Prozedur unter dem Motto Machen Sie das beste aus Ihrem Typ. Die Inszenierung hat nicht nur nichts mit der Wirklichkeit zu tun, die Inszenierung setzt an Stelle der Wirklichkeit ein gut verkäufliches Märchen. Die Schöne und das Biest versprechen maximale Verwertung und Sensation. Eine wenig informierte Masse verfolgt diese Form der Präsentation und folgt ihrer Interpretation, der so gut wie keine seriöse Berichterstattung gegenübersteht. Die Boulevardisierung ist ein Konzept gegen die medizinische Aufklärung und verführt zu Stigmatisierung, Aberglauben und Mythenbildung, was im persönlichen Umgang groteske Ergebnisse zeitigt.

Als ich vor vier Jahren an Brustkrebs erkrankte, fürchtete ich mich vor dem Tod Ich fürchtete mich vor meiner Ohnmacht, dem Ausgeliefertsein an eine Krankenhausmaschinerie, der Verstümmelung meines Körpers und den damit verbundenen Auswirkungen auf meine Person. Das abgedroschene Bild ins Bodenlose fallen füllte sich plötzlich mit Sinn. Nie zuvor war ich mir auf so eindringliche Weise bewußt gewesen, welchen Einfluß mein intakter, unversehrter Körper auf  mein Denken, Handeln, Fühlen hat – und welchen emotionalen Stellenwert meine Brust. ICh habe in einer Selbstverständlichkeit gelebt, tagtäglich, ohne sie in Frage zu stellen, ohne um ihre Zerbrechlichkeit wissen zu wollen. Mit der Diagnose fiel dieser „normale“ Zustand in sich zusammen. Selbstauflösung, Resignation, Verzweiflung, die kein Ende nehmen wollten. Ich fiel  – ganz persönlich, ganz privat – aus der Welt, konfrontiert mit einer möglicherweise, aber heute längst nicht mehr zwingendermaßen tödlichen Krankheit. Egal, welchen Verlauf sie nehmen würde, deutliche Spuren würden unvermeidbar sein. Ich malte keine Vorder- oder Hintergründe aus. Ich phantasierte nicht überhaupt keine Gründe. ICh hatte keine Angst vor einem stilisierten, inszenierten Tod. Der Tod, vor dem ich Angst hatte, war nackt. Der wesentliche Gegensatz, erfuhr ich, zu dem, was die Öffentlichkeit um die Krankheit Brustkrebs spintisiert, war der, daß ich zu keiner Inszenierung mehr fähig war. Die Angst vor dem nackten Tod entsprang der Tatsache, daß ich selbst „nackt“ geworden war. Keine Legende, keine Erzählung, keine Dramatisierung schützte mich mehr. Ich war auf die Diagnose und meine eigene Reaktion nicht vorbereitet, obwohl statistisch betrachtet jede 8. Frau an einer der vielen Arten von Brustkrebs erkrankt. Es ist die häufigste Krebsart bei Frauen.

Weniger aber noch als mit der Krankheit selbst habe ich mit den Reaktionen meiner Umwelt gerechnet, die sich genau mit dem zu schützen begann, was mir nicht mehr zur Verfügung stand: die Abwehr auf der Basis von Märchen und Mythen. Ich war verblüfft über die Inszenierungsangebote, die mir Menschen machten, die ich in anderen Zusammenhängen als vernünftig kannte. Eine Version dessen waren die Erklärungsmuster, die meine Gesprächspartner und -partnerinnen zur Hand hatten, jenseits dessen, daß die Medizin schlicht nicht weiß, welche Ursache Brustkrebs hat. Was im Fachdiskurs vage als „multifaktoral“ bezeichnet wird, ist laut der selbsternannten Experten so eindeutig zu packen wie ein Stallhase am Genick. Falsche Ernährung. Zuwenig Bewegung. Selbstzweifel oder, schlimmer noch: gedankliches Brüten. Charakterliche Disposition. Kinderlosigkeit. Zu wenig Sex. Zuviel Sex. Eine zweite Version der Abwehr besteht in der Sinnstiftung, dem verzweifelten Versuch der Gesunden, dem Brustkrebs Nutzen abzugewinnen. Allein die Erfahrung, die man mit der Krankheit macht, wurde mir vor Augen geführt. Galt ich als komplett abgestumpft, so eine Erfahrung zu brauchen? Und wozu? Ich war und bin mir mit anderen betroffenen Frauen einig, daß es wenig Ereignisse gibt, die so überflüssig wie Brustkrebs sind. Es ist auch keine besonders interessante Erfahrung, eine oder beide Brüste einzubüßen, ohne Brüste weiterzuleben oder einen Wiederaufbau machen zu lassen, es sei denn, man wertet die kuriosen, moralisierenden, mythologisierenden Reaktionen der „gesunden“ Umwelt auf eine amputierte Brust als interessante Erfahrung. Damit nicht genug. Es gab in der Bewertung noch eine Steigerung. Als Krönung wrude der positive Ausblick gehandelt: Brustkrebs als Chance. Für wie irre hielt man mich? Ws für eine Chance sollte das sein? Merh Treffer im Bogenschießen? Ein Karrieresprung als waschechte Amazone? Die Tête im örtlichen Reiterverein? Oder die Chance der Erkenntnism daß die Mitglieder einer hochkomplexen, hochtechnisierten, hochästhetisierten Gesellschaft von wenig komplexer, kaum differenzierter Todesangst gebeutelt werden? Eine „hochkultivierte“ Gesellschaft reagiert panisch mit atavistische Techniken. Man erklärt die den Klauen des Bösen anheim Gefallene so lange zur Außenseiterin, bis sie das Biest besiegt hat. Erst dann wird sie wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. Und daß sie das Biest besiegt hat, zeigen uns die aparte Kurzhaarfrisur und die smoky eyes der Sylvie van der Vaart. Die Rezeption der Krankheit orientiert sich nicht nur weiterhin an jenen irrationalen Mustern, gegen die schon Susan Sontag vor dreißig Jahren in ihrem Essay Krankheit als Metapher angeschrieben hat, sie schürt die Lesart geradezu. Man ist heute weniger denn je der Nacktheit von Krankheit und möglichem Tod gewachsen.

Inzwischen hat di eauf Brustkrebs fokussierte Medizin beachtliche Fortschritte in Früherkennung, Differenzierung, Therapie und Brustaufbau gemacht. Die öffentlichen Darstellungen aber gehen in eine entgegengesetzte Richtung. War die Wahrnehmung einer Krankheit, die auch deswegen so prekär ist, weil sie an der Weiblichkeit nagt, noch vor zehn Jahren (wie zu Sontags Zeit) einer Erzählung vergleichbar, so sind wir heute – welch phantastische Steigerung – bei ihrer Inszenierung angekommen. Der erzählte Mythos allein reicht nicht mehr aus. Ein Publikum will sehen. Was? Schöne, berühmte Frauen im Kampf mit dem Monster. Die Inszenierung des medial gedopten Märchens von der Schönen, die den Fängen des Biests entkommen ist, verkauft sich gut, weil die Schöne schön und dem Bösen entkommen ist. Das tröstet. Zudem, das sagen die Photos (die stets mehr sagen als der dazu gehörige Text), ist die Krankheit sexy. Als ich zum ersten Mal eine so aufgemachte Coverstory sah, fragte ich  mich verblüfft, was „die da“ machen. Wie „die das“ wagen. Ich empfand diese Inszenierung als Ausbeutung. Als Respektlosigkeit einer Situation gegenüber, die es der betroffenen Frau ohnehin schwer macht, Würde, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zu bewahren. Eine weitere Frage, die mir durch den Kopf ging, war, was die Prominenten, die sich so ablichten lassen, sich dabei denken. Ist das ein Werbefaktor? Der komplett ausverkaufte Körper, unter dessen Haut manauch noch den Tumor vermarktet? Steht man als prominente an Brustkrebs erkrankte Frau unter Beweispflicht, noch Frau zu sein, operiert, brustamputiert, chemotherapiert, bestrahlt? Und wann ist der Beweis geglückt? Im Fall der gut geschnittenen Frisur? Der rauchig geschminkten Augen? Der erotisch halbgeöffneten Lippen? All das beinhaltet die Rolle der Schönen gegen das Biest. Eine Rolle mit Vorbildcharakter? Ein beispielhaftes Märchen? Was greift da ineinander? Wo wird das „die“ zum „wir“, und wo bin ich darin, die nie um ihre Intimität, um Diskretion so bemüht war wie in der schlimmsten Phase ihrer Krankheit – und danach: lange Zeit noch danach! Viele mir bekannte Frauen übrigens auch: die Intimität, der Schutz des versehrten, gefährdeten Körpers stand im Vordergrund, der Wunsch, in Ruhe gelassen und respektiert zu werden, wie jede war. Nicht als aufgemotztes Zirkuspferd, nicht als Variéténummer. Keine von uns interessierte sich für den Beweis, den die Öffentlichkeit den Boulevardberichten zufolge verlangt.

Die tatsächliche Situation steht in einem anderen Licht, wenn man zurückblickt und sich des medizinischen Fortschritts, aber auch der Geschichte der Krankheit bewußt wird. Die früheste Erwähnung erfährt das Mamma-Karzinom 1530 a.Chr.n. in eiem ägyptischen Papyrus. Dort findet man schon genaue Bemerkungen zur Behandlung und dem meistens tödlichen Ausgang der Krankheit. Unter vorsichtigem Abwägen wrid in manchen Fällen eine Operation empfohlen. Daß diese bis zum Einsatz von Narkotika einer schier übermenschlichen Selbstbeherrschung der Erkrankten bedurfte, davon legen die Tagebücher der Fanny Burney aus dem Jahr 1811 noch schreiendes Zeugnis ab. Nach der Lektüre dieser Tagebücher, die von unfaßbarer Selbstdisziplin und Courage sprechen, empfand ich die Leistunden der gegenwärtigen Medizin als noch segensreicher. Eine Mastektomie ist grauenhaft. Aber eine Mastektomie ohne Brustaufbau ist grauenhafter. Und eine Mastektomie ohne Narkose und Brustaufbau ist am grauenhaftesten. Zuweilen, dachte ich, hilft der Blick zurück, um den eigenen Standpunkt zu klären, und die gewonnene Klarheit ist hilfreich gegen die Märchentanten und -onkel, die sich in ihrer Angst und ihrem abstrusen Unwissen dem Aberglauben und künstlichen Drama verschrieben haben und deren infantile Reaktionen es den Erkrankten noch schwerer macht. Das gilt sowohl für die medialen Stimmen als auch für ihr Publikum. Eine Frau, die Brustkrebs hat, ist sehr allein. Information und Wissen helfen am besten gegen Einsamkeit. 

Die bizarre Darstellungsform und ihre Rezeption ist ägerlich und steht in keinem Verhältnis zum medizinischen Fortschritt. Sie sprechen von Boulevardfieber und Schaulust. Vor allem aber sprechen sie von der verkappten Angst einer auf Normen und Homogenität bedachten Gesellschaft, welche die Sinnlosigkeit von Versehrheit und Tod nicht ertragen kann und ihr die sinnstiftende Inszenierung entgegensetzen muß. In aller Öffentlichkeit. Das Private, Intime birgt die Gefahr des Kollapses. Sterben, ohne daß mich jemand sieht, ist ein doppelte Tod. Die schrillen Berichte suggerieren die Angst vor dem stillen Verschwinden.

Ohne Metaphern – heißt ohne Erzählung – ist die Begegnung mit dem Tod, der Versehrtheit, der Bedrohung des Körpers nicht möglich. Jede Zeit schafft ihre eigene mediale erzählerische Vermittlung, die nichts mit der Wirklichkeit der Krankheit, nichts mit der Wirklichkeit der Therapie zu tun hat, sondern sich ganz im Gegenteil aus dem Selbstverständnis einer Gesellschaft speist. Und so erzählen die Inszenierungen wie die über die schönen Berühmten und das Biest nicht deren Krankengeschichten, sondern die Krankengeschichte der gesunden, sie umgebenden Welt.

  1. vielen dank! für diesen wundervollen eintrag, sie sprechen mir aus der seele ! danke!

  2. schreiben Sie mir, wenn Sie möchten. Wie auch immer ich Ihnen beistehen kann.

    • vielen vielen dank für das Angebot:-) ich komme sehr gerne darauf zurück. .. versprochen!

    • vielen vielen dank für das Angebot:-) ich komme sehr gerne darauf zurück. .. versprochen!ich habe die chemo Geschafft! !!!!
      Die op liegt hinter mir 🙂
      Demnächst bekomme ich meine Bestrahlung!
      Ich habe noch nie in meinem leben solch gefühlschaos erlebt, solch leere und angst!
      Mir fehlen einfach die Worte… und ihr beitrag tut wirklich unendlich gut, ich fühle mich nicht einsam.

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