Prada Som

Der letzte Satz …

In Allgemein on 4. Oktober 2010 at 11:22 am

… war noch nicht ganz ausgesprochen, als im Hintergrund eine zierliche Person erschien, die, als sie vor mir stand, kaum bis zu meiner Schulter reichte. Ihre Haare waren fast weiß und so aufgebauscht, wie es bei vielen New Yorkerinnen im Augenblick Mode ist. Sie trug ein rosadurchwirktes Chanelkostüm und Unmengen von Schmuck, und irgendwie war ich erstaunt, daß aus dem ganzen Materialaufwand eine freundliche, sympathische Stimme sprach. „Haben Sie Prada Som gesagt?“ Ich nickte.  Sie streckte mir die Hand entgegen (was unüblich ist in NYC, ich kenne solche Gesten nur von Prada, sie sagt, es sei ihr deutsches Erbe): „Ich bin Adelaide Bride“, und bat mich, ihr zu folgen. Die Sekretärin („Danke, Hildegard“) wurde entlassen.  Adelaide Bride ging voraus durch ein Foyer

an das ein langer Gang grenzte, in dem ein Bild der Twintowers hing.

Es mutete an wie der Ausblick aus einer Küche. Mrs. Bride sah, wie ich auf das Photo starrte. „Das war der Blick aus einem früheren Haus, in dem ich wohnte. Ich vermisse die Türme, wissen Sie. Ich kann  mich immer noch nicht daran gewöhnen, daß es sie nicht mehr gibt.“ Wir gelangten in einen Living,

und ich wurde gebeten, Platz zu nehmen. „Was kann ich für Sie tun?“ Ich wiederholte, was ich bereits zu Hildegard gesagt hatte. Mrs. Bride schwieg einige Zeit. Bevor sie antwortete, atmete sie tief. „Ich kenne Prada Som. Ihr Name ist die Eintrittskarte in alle möglichen Welten, das wissen Sie natürlich, wenn Sie Ihre Nichte sind … Selbstverständlich habe ich meine Verbindungen. Bitte bedenken Sie aber, mein Kind (und hier kamen mir die Tränen, denn niemand außer Prada Som hat mich je mein Kind genannt), eine Suche ist kein Spiel, sondern eine Lebensform. Als Lebensform verlangt sie eine eigene Haltung, die oft genug von dem allgemein Üblichen nicht nur abweichen kann, sondern abweichen  muß. Wenn Sie hingegen an dem üblichen Spiel teilnehmen wollen, müssen Sie die Regeln und ihre Gegner kennen. Wenn Sie erfolgreich spielen wollen, müssen Sie die Regeln beachten und die Gegner respektieren.  Wenn Sie gewinnen wollen, müssen Sie die Regeln übertreten, was Ihnen, Chang Mimi, nur gelingen wird, wenn Sie eine eigene Haltung entwickeln, und dann sind Sie wieder raus aus dem Spiel.“ Ich vermute, daß ich sie voller Verwirrung angesehen habe, denn auf  ihrem Gesicht schimmerte ein Lächeln. „Sie können nicht gewinnen, ohne die Regeln zu brechen, glauben Sie mir. Ich weiß, es klingt schrecklich, wenn man wirklich darüber sinniert, es klingt nach Einsamkeit … aber wenn ich nicht irre, haben Sie längst mit der Suche begonnen, längst aufgehört, sich an die Regeln zu halten, längst aufgehört, sich um das Spiel zu scheren.“ Ich verstand immer noch nichts, wagte dann aber doch zu fragen, was ihre kryptischen Bemerkungen mit dem Verschwinden meiner Tante zu tun hätten. „Stellen Sie sich vor – nur als regellose Kette von Gedanken  – daß dieses, wie Sie es nennen, Verschwinden Ihrer Tante mehr mit Ihrer Wahrnehmung zu tun hat als mit einer physischen Tatsache, und daß diese Wahrnehmung Sie auf die Suche geschickt hat. Folgen Sie Ihrer Intuition, nicht den anonymen Briefen und Sendungen, wessen Inhalt sie auch sein mögen … und fragen Sie nach den Wurzeln.“ Sie sah auf die Uhr, eine unmißverständliche Geste. „Die Flüge nach Berlin scheinen im Augenblick günstig zu sein. Hildegard wird Sie hinausbegleiten.“ Offenbar spürte sie meine Hilflosigkeit, die dabei war, sich zu einer regelrechten Panik auszuwachsen„Verlangen Sie in die Stadtbibliothek am Bryant Park nach einem Buch von Oets Kolk Bouwsma. Es heißt Wittgenstein. Conversations 1949-1951. Suchen Sie dort den Satz zu den Regeln. Und nun gehen Sie, mein Kind.“

  

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