Prada Som

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AM EIGENEN LEIB

In Allgemein on 27. Oktober 2010 at 1:14 pm

DIE SCHÖNEN & DAS BIEST

Contribution to the pink month 2010 von Barbara Bongartz

Es ist eine Krankheit. Ihre Herkunft ist mysteriös. Anlaß und Auslöser sind unbekannt. Sie ist variantenreich. Sie wirkt von innen und durchdringt das Gewebe. Sie ist Teil des menschlichen Körpers, der außer Fassung gerät. Ihre ausufernde, oft tödliche Wirkung machte sie schon vor fast 4000 Jahren zur Projektionsfläche menschlicher Phantasie. Mythenbildungen dienten der Erklärung für etwas, das nicht erklärbar war. Und ist: bis heute entzieht sie sich der Erforschung. Ihren Namen verdankt die Krankheit allein ihrem Erscheinungsbild: ein Tumor von unregelmäßiger Form, und die Venen, die darum liegen sind wie die gebogenen Beine und Füße dieses Tieres, das Krebs genannt wird, schrieb Ambroise Paré Mitte des 17. Jahrhunderts. Dem Mammakarzinom kommt unter den Krebserkrankungen eine besondere Bedeutung zu. Die weibliche Brust bestimmt Körpergefühl, Identität und Psyche einer Frau und ist zudem symbolisch aufgeladen: Sie steht ebenso für sexuelle Attraktion wei für Mutterschaft. All das ist bedroht, wenn eine Frau an Brustkrebs erkrankt. Über die reine Gefährdung des Körpers hinaus erleidet sie einen Schock, der ihren Platz in der Gesellschaft in Frage stellt. Diese Faktoren prädestinieren Brustkrebs seit jeher für Irrationalismus, Metapher, Erzählung. In den letzten Jahren ist diese hilflose Abwehr pervertiert. Brustkres goes Boulevard: die Regenbogenmagazine haben eine scheußliche Krankheit als glamourtaugliches Drama entdeckt, mit dem Auflagenstärke zu erzielen ist. Unter Vortäuschung von Aufklärung und Empathie bedeint sich die Branche schöner prominenter erkrankter Frauen. Wir alle kennen diese Namen: LINDA MC CARTNEY, BARBARA RUDNIK; ANASTACIA; KYLIE MINOGUE, MARIANNE FAITHFUL; CHRISTINA APPLEGATE, CYNTHIA NIXON, SONIQUE und unlängst SYLVIE VAN DER VAART. Die Artikel dazu sind austauschbar, die Aussagen erscheinen lächerlich stereotyp für ene äußerst differenzierte Krankheit, die jede Frau anders am eigenen Leib erlebt. Bemerkenswerter noch als die Uniformität der Texte (egal ob „Reportage“ oder Interview sind die Inszenierungen der Cover und Photostrecken. Sylvie van der Vaart steht für viele. Erstaunter, waidwunder Blick aus riesigen Augen. Halbgeöffnete lIppen. Ein Gesamteindruck geheimnisvoller Entrückung. Die früher so bekannte blonde Löwenmähne ist einem Kurzhaarschnitt gewichen, der an Mia Farrow in ROSEMARY’S BABY denken läßt. So war die TV-Moderatorin vorher nie zu sehen. Eine neue Kampagne, fragt man sich zunächst. Ein neuer Job? Was ist geschehen? Wir erfahren es, wenn wir die Headline lesen. Es geht nicht um Sylvie van der Vaart. Es geht nicht um ihre Geschichte. Es geht darum, was sie mit den anderen berühmten Schönen teilt – und mit vielen unbekannten Frauen gleichen Alters, die nicht so attraktiv sind wie sie. Sylvie ist eine der Schönen im Kampf um das Biest.

Das wirklich Perfide dieser Situation aber liegt in einer eigentümlichen Verschränkung von „Berichterstattung“ und populärer Meinung, und es ist schwer zu sagen, was sich aus welchem speist. Sicher ist nur eins: die Inszenierungen sind ein Beispiel dafür, wie unsere gegenwärtige Gesellschaft sich gegenüber einer Krankheit jenseits des objektiven Fortschritts der Medizin geriert. Die vorgeführte Stilisirung des Mammakarzinoms als Boulevardereignis ist zum einen märchenhafte Verharmlosung, die einen alten Mythos bemüht. Zum anderen zeigt sich darin die gnadenlose Sensationslust einer Gesellschaft, der das Gespür für Intimität und Diskretion abhanden gekommen ist ganz im Sinne des FACEBOOKgründers Mark Zuckerberg, der Privatsphäre für Schnee von gestern hält. Die Inszenierung der Krankheit und – in einigen Fällen – des Todes folgt der Idee, das Letzte, was man aus einem Menschen herausholen kann, herauszuholen und zu vermarkten. Es geht um die Verwertung des Körpers im Geiste der Revue. Frau van de Vaart wurde gleich von zwei Magazinen in einem mehrseitigen Editorial prästentiert, das jeweils an eine Modestrecke denken ließ und bildlich nicht einmal ansatzweise eine Assoziation zur Krankheit erlaubte. Auch der Text beinhaltet keine klinisch oder pathologisch orientierte Fragen, keine Hilfe, Behandlungsmethode, kein offenes Wort gegenüber einer alltäglichen banalen, traurigen, überhaupt nicht glamourösen Situation. er ordnet die Photographien lediglich thematisch zu. Ohne den Text, der die Rettungsgeschichte vor dem Monster und die Entdeckung eines neuen Lebens erzählt, wäre man versucht zu denken, Frau van der Vaart hätte den Friseur und den Visagisten gewechselt, eine Art vorher/nachher Prozedur unter dem Motto Machen Sie das beste aus Ihrem Typ. Die Inszenierung hat nicht nur nichts mit der Wirklichkeit zu tun, die Inszenierung setzt an Stelle der Wirklichkeit ein gut verkäufliches Märchen. Die Schöne und das Biest versprechen maximale Verwertung und Sensation. Eine wenig informierte Masse verfolgt diese Form der Präsentation und folgt ihrer Interpretation, der so gut wie keine seriöse Berichterstattung gegenübersteht. Die Boulevardisierung ist ein Konzept gegen die medizinische Aufklärung und verführt zu Stigmatisierung, Aberglauben und Mythenbildung, was im persönlichen Umgang groteske Ergebnisse zeitigt.

Als ich vor vier Jahren an Brustkrebs erkrankte, fürchtete ich mich vor dem Tod Ich fürchtete mich vor meiner Ohnmacht, dem Ausgeliefertsein an eine Krankenhausmaschinerie, der Verstümmelung meines Körpers und den damit verbundenen Auswirkungen auf meine Person. Das abgedroschene Bild ins Bodenlose fallen füllte sich plötzlich mit Sinn. Nie zuvor war ich mir auf so eindringliche Weise bewußt gewesen, welchen Einfluß mein intakter, unversehrter Körper auf  mein Denken, Handeln, Fühlen hat – und welchen emotionalen Stellenwert meine Brust. ICh habe in einer Selbstverständlichkeit gelebt, tagtäglich, ohne sie in Frage zu stellen, ohne um ihre Zerbrechlichkeit wissen zu wollen. Mit der Diagnose fiel dieser „normale“ Zustand in sich zusammen. Selbstauflösung, Resignation, Verzweiflung, die kein Ende nehmen wollten. Ich fiel  – ganz persönlich, ganz privat – aus der Welt, konfrontiert mit einer möglicherweise, aber heute längst nicht mehr zwingendermaßen tödlichen Krankheit. Egal, welchen Verlauf sie nehmen würde, deutliche Spuren würden unvermeidbar sein. Ich malte keine Vorder- oder Hintergründe aus. Ich phantasierte nicht überhaupt keine Gründe. ICh hatte keine Angst vor einem stilisierten, inszenierten Tod. Der Tod, vor dem ich Angst hatte, war nackt. Der wesentliche Gegensatz, erfuhr ich, zu dem, was die Öffentlichkeit um die Krankheit Brustkrebs spintisiert, war der, daß ich zu keiner Inszenierung mehr fähig war. Die Angst vor dem nackten Tod entsprang der Tatsache, daß ich selbst „nackt“ geworden war. Keine Legende, keine Erzählung, keine Dramatisierung schützte mich mehr. Ich war auf die Diagnose und meine eigene Reaktion nicht vorbereitet, obwohl statistisch betrachtet jede 8. Frau an einer der vielen Arten von Brustkrebs erkrankt. Es ist die häufigste Krebsart bei Frauen.

Weniger aber noch als mit der Krankheit selbst habe ich mit den Reaktionen meiner Umwelt gerechnet, die sich genau mit dem zu schützen begann, was mir nicht mehr zur Verfügung stand: die Abwehr auf der Basis von Märchen und Mythen. Ich war verblüfft über die Inszenierungsangebote, die mir Menschen machten, die ich in anderen Zusammenhängen als vernünftig kannte. Eine Version dessen waren die Erklärungsmuster, die meine Gesprächspartner und -partnerinnen zur Hand hatten, jenseits dessen, daß die Medizin schlicht nicht weiß, welche Ursache Brustkrebs hat. Was im Fachdiskurs vage als „multifaktoral“ bezeichnet wird, ist laut der selbsternannten Experten so eindeutig zu packen wie ein Stallhase am Genick. Falsche Ernährung. Zuwenig Bewegung. Selbstzweifel oder, schlimmer noch: gedankliches Brüten. Charakterliche Disposition. Kinderlosigkeit. Zu wenig Sex. Zuviel Sex. Eine zweite Version der Abwehr besteht in der Sinnstiftung, dem verzweifelten Versuch der Gesunden, dem Brustkrebs Nutzen abzugewinnen. Allein die Erfahrung, die man mit der Krankheit macht, wurde mir vor Augen geführt. Galt ich als komplett abgestumpft, so eine Erfahrung zu brauchen? Und wozu? Ich war und bin mir mit anderen betroffenen Frauen einig, daß es wenig Ereignisse gibt, die so überflüssig wie Brustkrebs sind. Es ist auch keine besonders interessante Erfahrung, eine oder beide Brüste einzubüßen, ohne Brüste weiterzuleben oder einen Wiederaufbau machen zu lassen, es sei denn, man wertet die kuriosen, moralisierenden, mythologisierenden Reaktionen der „gesunden“ Umwelt auf eine amputierte Brust als interessante Erfahrung. Damit nicht genug. Es gab in der Bewertung noch eine Steigerung. Als Krönung wrude der positive Ausblick gehandelt: Brustkrebs als Chance. Für wie irre hielt man mich? Ws für eine Chance sollte das sein? Merh Treffer im Bogenschießen? Ein Karrieresprung als waschechte Amazone? Die Tête im örtlichen Reiterverein? Oder die Chance der Erkenntnism daß die Mitglieder einer hochkomplexen, hochtechnisierten, hochästhetisierten Gesellschaft von wenig komplexer, kaum differenzierter Todesangst gebeutelt werden? Eine „hochkultivierte“ Gesellschaft reagiert panisch mit atavistische Techniken. Man erklärt die den Klauen des Bösen anheim Gefallene so lange zur Außenseiterin, bis sie das Biest besiegt hat. Erst dann wird sie wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. Und daß sie das Biest besiegt hat, zeigen uns die aparte Kurzhaarfrisur und die smoky eyes der Sylvie van der Vaart. Die Rezeption der Krankheit orientiert sich nicht nur weiterhin an jenen irrationalen Mustern, gegen die schon Susan Sontag vor dreißig Jahren in ihrem Essay Krankheit als Metapher angeschrieben hat, sie schürt die Lesart geradezu. Man ist heute weniger denn je der Nacktheit von Krankheit und möglichem Tod gewachsen.

Inzwischen hat di eauf Brustkrebs fokussierte Medizin beachtliche Fortschritte in Früherkennung, Differenzierung, Therapie und Brustaufbau gemacht. Die öffentlichen Darstellungen aber gehen in eine entgegengesetzte Richtung. War die Wahrnehmung einer Krankheit, die auch deswegen so prekär ist, weil sie an der Weiblichkeit nagt, noch vor zehn Jahren (wie zu Sontags Zeit) einer Erzählung vergleichbar, so sind wir heute – welch phantastische Steigerung – bei ihrer Inszenierung angekommen. Der erzählte Mythos allein reicht nicht mehr aus. Ein Publikum will sehen. Was? Schöne, berühmte Frauen im Kampf mit dem Monster. Die Inszenierung des medial gedopten Märchens von der Schönen, die den Fängen des Biests entkommen ist, verkauft sich gut, weil die Schöne schön und dem Bösen entkommen ist. Das tröstet. Zudem, das sagen die Photos (die stets mehr sagen als der dazu gehörige Text), ist die Krankheit sexy. Als ich zum ersten Mal eine so aufgemachte Coverstory sah, fragte ich  mich verblüfft, was „die da“ machen. Wie „die das“ wagen. Ich empfand diese Inszenierung als Ausbeutung. Als Respektlosigkeit einer Situation gegenüber, die es der betroffenen Frau ohnehin schwer macht, Würde, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zu bewahren. Eine weitere Frage, die mir durch den Kopf ging, war, was die Prominenten, die sich so ablichten lassen, sich dabei denken. Ist das ein Werbefaktor? Der komplett ausverkaufte Körper, unter dessen Haut manauch noch den Tumor vermarktet? Steht man als prominente an Brustkrebs erkrankte Frau unter Beweispflicht, noch Frau zu sein, operiert, brustamputiert, chemotherapiert, bestrahlt? Und wann ist der Beweis geglückt? Im Fall der gut geschnittenen Frisur? Der rauchig geschminkten Augen? Der erotisch halbgeöffneten Lippen? All das beinhaltet die Rolle der Schönen gegen das Biest. Eine Rolle mit Vorbildcharakter? Ein beispielhaftes Märchen? Was greift da ineinander? Wo wird das „die“ zum „wir“, und wo bin ich darin, die nie um ihre Intimität, um Diskretion so bemüht war wie in der schlimmsten Phase ihrer Krankheit – und danach: lange Zeit noch danach! Viele mir bekannte Frauen übrigens auch: die Intimität, der Schutz des versehrten, gefährdeten Körpers stand im Vordergrund, der Wunsch, in Ruhe gelassen und respektiert zu werden, wie jede war. Nicht als aufgemotztes Zirkuspferd, nicht als Variéténummer. Keine von uns interessierte sich für den Beweis, den die Öffentlichkeit den Boulevardberichten zufolge verlangt.

Die tatsächliche Situation steht in einem anderen Licht, wenn man zurückblickt und sich des medizinischen Fortschritts, aber auch der Geschichte der Krankheit bewußt wird. Die früheste Erwähnung erfährt das Mamma-Karzinom 1530 a.Chr.n. in eiem ägyptischen Papyrus. Dort findet man schon genaue Bemerkungen zur Behandlung und dem meistens tödlichen Ausgang der Krankheit. Unter vorsichtigem Abwägen wrid in manchen Fällen eine Operation empfohlen. Daß diese bis zum Einsatz von Narkotika einer schier übermenschlichen Selbstbeherrschung der Erkrankten bedurfte, davon legen die Tagebücher der Fanny Burney aus dem Jahr 1811 noch schreiendes Zeugnis ab. Nach der Lektüre dieser Tagebücher, die von unfaßbarer Selbstdisziplin und Courage sprechen, empfand ich die Leistunden der gegenwärtigen Medizin als noch segensreicher. Eine Mastektomie ist grauenhaft. Aber eine Mastektomie ohne Brustaufbau ist grauenhafter. Und eine Mastektomie ohne Narkose und Brustaufbau ist am grauenhaftesten. Zuweilen, dachte ich, hilft der Blick zurück, um den eigenen Standpunkt zu klären, und die gewonnene Klarheit ist hilfreich gegen die Märchentanten und -onkel, die sich in ihrer Angst und ihrem abstrusen Unwissen dem Aberglauben und künstlichen Drama verschrieben haben und deren infantile Reaktionen es den Erkrankten noch schwerer macht. Das gilt sowohl für die medialen Stimmen als auch für ihr Publikum. Eine Frau, die Brustkrebs hat, ist sehr allein. Information und Wissen helfen am besten gegen Einsamkeit. 

Die bizarre Darstellungsform und ihre Rezeption ist ägerlich und steht in keinem Verhältnis zum medizinischen Fortschritt. Sie sprechen von Boulevardfieber und Schaulust. Vor allem aber sprechen sie von der verkappten Angst einer auf Normen und Homogenität bedachten Gesellschaft, welche die Sinnlosigkeit von Versehrheit und Tod nicht ertragen kann und ihr die sinnstiftende Inszenierung entgegensetzen muß. In aller Öffentlichkeit. Das Private, Intime birgt die Gefahr des Kollapses. Sterben, ohne daß mich jemand sieht, ist ein doppelte Tod. Die schrillen Berichte suggerieren die Angst vor dem stillen Verschwinden.

Ohne Metaphern – heißt ohne Erzählung – ist die Begegnung mit dem Tod, der Versehrtheit, der Bedrohung des Körpers nicht möglich. Jede Zeit schafft ihre eigene mediale erzählerische Vermittlung, die nichts mit der Wirklichkeit der Krankheit, nichts mit der Wirklichkeit der Therapie zu tun hat, sondern sich ganz im Gegenteil aus dem Selbstverständnis einer Gesellschaft speist. Und so erzählen die Inszenierungen wie die über die schönen Berühmten und das Biest nicht deren Krankengeschichten, sondern die Krankengeschichte der gesunden, sie umgebenden Welt.

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Prada Som lebt …

In Allgemein on 9. Oktober 2010 at 11:46 am

… in Berlin.

Zurück von einer Reise aus Zentralasien,

wo ich gemeinsam mit einer Freundin aus St. Petersburg eine Kampagne zur Aufklärung über Brustkrebs betreute und Vorträge hielt (unten mehr dazu: wir befinden uns immer noch im pink month und sollten keine Gelegenheit auslassen, darüber zu informieren und zu sprechen), stelle ich fest, daß meine durchgeknallte Nichte Chang Mimi nicht nur eine irre Suche nach mir losgetreten hat, sondern dazu auch noch meinen blog in Unordnung brachte. Offenbar kann sich in dieser Welt niemand mehr vorstellen, daß es einen Ort gibt, wo nicht jeder/jede vernetzt, geschweige auf facebook ist, wo es Regionen gibt, da man nicht erreichbar ist, weil weder ein Mobile funktioniert (das Pamirgebirge, über 7000 Meter), noch Strom im ortsüblichen Alltag vorgesehen ist! Ich bin keineswegs untergetaucht, sondern habe mich um ein leider immer noch von der Öffentlichkeit widerwillig wahrgenommenes, aber keine  Region dieser Welt aussparendes Problem von Frauen gekümmert. Bedauerlicherweise profitieren in den ärmeren Ländern dieser Erde (auf meinem Rückflug las ich in der Frankfurter Allegemeinen Sonntagszeitung am 3.10.2010 ein Interview mit einem der dümmsten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart, Bret Easton Ellis, der ebenso gelangweilt wie hohlköpfig bemerkte: die Welt ist global – womit er möglicherweise in seiner einzigartigen Blasiertheit kundtun wollte: alles ist über all gleich, nein, Herr Ellis, ist es nicht, nicht einmal in Ihrem, in meinem Land!, was oft gut so, in diesem Fall aber schrecklich und grausam und keineswegs in Ordnung ist!!!) kaum Frauen von den inzwischen bahnbrechenden Erfolgen der medizinischen Forschung – wie ja überhaupt in den ärmeren, religionskonservativen Ländern die Frauen von jedem Profit ausgeschlossen bleiben!!! Auch gibt es dort keine Firmen wie hier in der westlichen Welt z.B. das Lifestyle und Modehaus RALPH LAUREN mit seiner PINK PONY Kampagne oder die Stiftung des Parfumherstellers ANNIK GOUTAL  (dessen Gründerin selbst an Brustkrebs starb!), die sich mit Investionen in der Erforschung von Brustkrebs und möglichen Therapien engagieren. Freilich gibt es auch eine zweifelhafte Kommunikation dieser Krankheit: Ich habe mich entschlossen, da ich die nächsten Monate in Berlin in engem Austausch mit der Schriftstellerin Barbara Bongartz

verbringen werde, ihren im Mai diesen Jahres verfaßten Essay auf diesen blog zu setzen, gemeinsam mit einem Photo von Barbara Bongartz, das die Berliner Photographin Susanne Schleyer aus diesem Anlaß aufnahm. Folgen wird ein Interview, das ich in Berlin mit der Autorin geführt habe. Ich betone an dieser Stelle ausdrücklich, daß die Beschäftigung mit dem Thema Brustkrebs, seine Erfahrung, Vermittlung und Rezeption Teil des Forschungsprojektes ist, das Barbara Bongartz und ich unter dem Titel AM EIGENEN LEIB – von Körpern und Kleidern, betreiben.

Der letzte Satz …

In Allgemein on 4. Oktober 2010 at 11:22 am

… war noch nicht ganz ausgesprochen, als im Hintergrund eine zierliche Person erschien, die, als sie vor mir stand, kaum bis zu meiner Schulter reichte. Ihre Haare waren fast weiß und so aufgebauscht, wie es bei vielen New Yorkerinnen im Augenblick Mode ist. Sie trug ein rosadurchwirktes Chanelkostüm und Unmengen von Schmuck, und irgendwie war ich erstaunt, daß aus dem ganzen Materialaufwand eine freundliche, sympathische Stimme sprach. „Haben Sie Prada Som gesagt?“ Ich nickte.  Sie streckte mir die Hand entgegen (was unüblich ist in NYC, ich kenne solche Gesten nur von Prada, sie sagt, es sei ihr deutsches Erbe): „Ich bin Adelaide Bride“, und bat mich, ihr zu folgen. Die Sekretärin („Danke, Hildegard“) wurde entlassen.  Adelaide Bride ging voraus durch ein Foyer

an das ein langer Gang grenzte, in dem ein Bild der Twintowers hing.

Es mutete an wie der Ausblick aus einer Küche. Mrs. Bride sah, wie ich auf das Photo starrte. „Das war der Blick aus einem früheren Haus, in dem ich wohnte. Ich vermisse die Türme, wissen Sie. Ich kann  mich immer noch nicht daran gewöhnen, daß es sie nicht mehr gibt.“ Wir gelangten in einen Living,

und ich wurde gebeten, Platz zu nehmen. „Was kann ich für Sie tun?“ Ich wiederholte, was ich bereits zu Hildegard gesagt hatte. Mrs. Bride schwieg einige Zeit. Bevor sie antwortete, atmete sie tief. „Ich kenne Prada Som. Ihr Name ist die Eintrittskarte in alle möglichen Welten, das wissen Sie natürlich, wenn Sie Ihre Nichte sind … Selbstverständlich habe ich meine Verbindungen. Bitte bedenken Sie aber, mein Kind (und hier kamen mir die Tränen, denn niemand außer Prada Som hat mich je mein Kind genannt), eine Suche ist kein Spiel, sondern eine Lebensform. Als Lebensform verlangt sie eine eigene Haltung, die oft genug von dem allgemein Üblichen nicht nur abweichen kann, sondern abweichen  muß. Wenn Sie hingegen an dem üblichen Spiel teilnehmen wollen, müssen Sie die Regeln und ihre Gegner kennen. Wenn Sie erfolgreich spielen wollen, müssen Sie die Regeln beachten und die Gegner respektieren.  Wenn Sie gewinnen wollen, müssen Sie die Regeln übertreten, was Ihnen, Chang Mimi, nur gelingen wird, wenn Sie eine eigene Haltung entwickeln, und dann sind Sie wieder raus aus dem Spiel.“ Ich vermute, daß ich sie voller Verwirrung angesehen habe, denn auf  ihrem Gesicht schimmerte ein Lächeln. „Sie können nicht gewinnen, ohne die Regeln zu brechen, glauben Sie mir. Ich weiß, es klingt schrecklich, wenn man wirklich darüber sinniert, es klingt nach Einsamkeit … aber wenn ich nicht irre, haben Sie längst mit der Suche begonnen, längst aufgehört, sich an die Regeln zu halten, längst aufgehört, sich um das Spiel zu scheren.“ Ich verstand immer noch nichts, wagte dann aber doch zu fragen, was ihre kryptischen Bemerkungen mit dem Verschwinden meiner Tante zu tun hätten. „Stellen Sie sich vor – nur als regellose Kette von Gedanken  – daß dieses, wie Sie es nennen, Verschwinden Ihrer Tante mehr mit Ihrer Wahrnehmung zu tun hat als mit einer physischen Tatsache, und daß diese Wahrnehmung Sie auf die Suche geschickt hat. Folgen Sie Ihrer Intuition, nicht den anonymen Briefen und Sendungen, wessen Inhalt sie auch sein mögen … und fragen Sie nach den Wurzeln.“ Sie sah auf die Uhr, eine unmißverständliche Geste. „Die Flüge nach Berlin scheinen im Augenblick günstig zu sein. Hildegard wird Sie hinausbegleiten.“ Offenbar spürte sie meine Hilflosigkeit, die dabei war, sich zu einer regelrechten Panik auszuwachsen„Verlangen Sie in die Stadtbibliothek am Bryant Park nach einem Buch von Oets Kolk Bouwsma. Es heißt Wittgenstein. Conversations 1949-1951. Suchen Sie dort den Satz zu den Regeln. Und nun gehen Sie, mein Kind.“

  

In manchen Straßen von Manhattan …

In Allgemein on 3. Oktober 2010 at 6:31 pm

… wirkt NYC dörflich, und seit Tagen ist mir das ein Trost, eine gewisse Geborgenheit. Ich ging zwischen den Townhouses der besseren Gegend spazieren, und ohne bewußt ein Ziel zu haben, stand ich auf einmal vor dem Haus von Adelaide Bride.

Ich klingelte, obwohl mir mehr als mulmig dabei zumute war, und rechnete ehrlich gesagt nicht damit, daß jemand öffnen würde. Um so erstaunter war ich, als eine junge Frau in strengem Kostüm vor mir stand, ungefähr so gekleidet, wie man sich die New Yorker Sekretärinnen in den 50er Jahren vorstellt, und fragte mich, womit sie mir helfen könnte. Ich stellte mich vor und sagte, ich wolle zu Adelaide Bride, hätte aber keinen Termin. In welcher Angelegenheit, fragte sie, immer noch kühl, aber freundlich.  „Es geht um meine Tante Prada Som“, antwortete ich. „Sie ist seit einigen Monaten spurlos verschwunden, und die einzige Person, die mir jetzt noch helfen kann, nachdem ich zahllosen, anonymen Hinweisen gefolgt bin, ist Mrs. Bride.“

Gestern …

In Allgemein on 3. Oktober 2010 at 12:22 pm

… erreichte mich an meine Adresse in Manhattan ein Paket. Es kam aus Berlin (!), und sein Inhalt war sehr beunruhigend.

Alle darin befindlichen Dinge sind Attribute von Prada Som, wenn es auch so scheint, als seien sie nicht wirklich Prada Soms Dinge: Die schwarze Birkin Bag aus Alligator, die ihr ständiger Begleiter ist, ein Seidencarée von Hermès, Armes de Chasse, aus den 60er Jahren – Prada Som besitzt eine der größten US-Sammlungen alter Hermèscarées –

wie zum Beispiel dieses hier mit dem Titel Early America, darunter auch einige, die namentlich von ihren Gestaltern gezeichnet sind, wie etwa

dieses sehr besondere aus Seidenjaquard (eine Rarität geradezu, denn die meisten Hermèscarées sind aus Twill) von

oder ein ganz früher Entwurf

hauchzart in seiner Textur, von

aber das sei nur am Rand erwähnt –  zurück zum Inhalt des Pakets aus Berlin: eine blonde, fast weiße, zu einem Bob geschnittene Perücke (man erinnere sich: als Prada Som noch nicht verschwunden war, setzte sie auf ihren Blog, diesen Blog, einige Photos eines befreundeten Transvestiten, Lorenzo, der vorgab, sie zu sein und eine solche Perücke trug!) aus künstlichen Haaren, die dennoch in diesem Ensemble entsetzlich wirkte, als sei es Pradas Skalp, ihr Parfum, das von Marc Jacobs, das sie immer so fröhlich stimmte und sie an Audrey Hepburn erinnerte, wie sie sagte, da es eine kleine schwarze Schleife als Halsbinde hat, und die unvermeidlichen, zu Pradas Charakteristikum gewordenen Armreifen von RAINER NYC (eigentlich Maximilian E. Rainer oder auch Rainer Facklam), dem deutschstämmigen begnadeten New Yorker Schmuck- und Möbel-Designer, dessen Prunkstücke im Smithonian zu bewundern sind. Prada besitzt seine ganze Kollektion, sie sind eng befreundet, ja, eigentlich könnte man sagen, daß sie seine Muse ist. Wer immer mir dieses Päckchen aus Berlin zukommen ließ, muß also Prada gekannt haben oder kennen, auch wenn diese Attribute nur Stellvertreter und nicht Pradas Originale sind. In meiner Ratlosigkeit überlege ich, Adelaide Bride zu konsultieren. Diese etwas mysteriöse Dame gilt als eine der besten Beraterinnen für vertrackte Situationen. Es heißt, sie findet auf Anhieb jeden Diamanten im Kronleuchter.  In den 70er Jahren, als Karma-Astrologie sehr im Kommen war, hatte sie eine Praxis Downtown. Später, als sie Upper East-Side praktizierte (wo sie noch ansässig ist), ließ sie den Titel „Karma-Astrologin“ fallen. Heute nennt sie sich einfach Coach. Ich habe kein Faible für esoterische Angelegenheiten, aber ich würde nahezu alles tun, wenn ich dadurch auf Prada Soms Fährte gelangen könnte …

Joseph Conrad …

In Allgemein on 2. Oktober 2010 at 1:37 pm

… läßt in seinem Roman HERZ DER FINSTERNIS den Ich-Erzähler (das bin ich nun auch geworden, zwangsläufig, obwohl nie etwas mir Schreiben zu tun hatte, wenn man daon absieht, daß ich, Chang Mimi, laut Prada Som das Vorbild für China Blumfeldt sein soll …) nach einem Mann suchen, der „in der Wildns, der äußersten Wildnis ringsum eingeschlossen ist – vom ganzen geheimnisvollen Leben der Wildnis …“,

und seit einigen Tagen frage ich mich, ob nicht auch Prada Som durch einen merkwürdigen Auftrag, einen Lockruf ähnlicher Art an einen Ort verschlagen wurde, und sei diese „Wildnis“ auch NYC selbst, daß sie vielleicht ganz hier in der Nähe untergetaucht ist,

von einer eigentümlichen Mission in Anspruch genommen. Wo sucht man, wenn man keinen Anhaltspunkt für den Verbleib eines Menschen hat? Wie geht man vor, wenn man von einem Tag auf dem anderen vor einem Rätsel steht? Eine Vermißtenanzeige hat nichts erbracht. Es scheint, in NYC verschwinden dauernd Menschen, und das Merkwürdige ist, daß niemand Anstoß daran nimmt.