Prada Som

Pradas närrische Dinge …

In Allgemein on 22. Juli 2010 at 6:22 pm

wecken bei mir immer den Eindruck, als seien sie von ihr beseelt, jedes ein pars pro toto, Stellvertreter eines besonderen Blicks, die Welt zu betrachten, oder eine ungewöhnliche Art der Geste. Pradas Dinge sind IHRE ATTRIBUTE und gleichzeitig ist Prada Som ein Attribut dieser Dinge. Sie ist in dieser Dingwelt zu Hause wie kaum sonst eine mir bekannte Person.

Vermutlich lag es deswegen nahe, sie in das Ausstellungsvorhaben AM EIGENEN LEIB einzubinden. Seit Tagen frage ich mich, was mit Pradas Dingen geschehen wird, sollte Prada Som nicht zurückkehren. Was passiert mit Sammlungen, deren Eigentümer sterben oder spurlos verschwinden oder die als Sammlung schlicht nicht mehr gebraucht werden, weil die Verhältnisse sich geändert haben, wie in dem Essay ALL DIESE NÄRRISCHEN DINGE nachzulesen ist?  „Überflüssig, schön, kaputt, vererbt, geschenkt, verloren, abgenutzt, glamourös, nützlich, bedeutungslos, vergessen, verehrt: Dinge. Nicht das Ding an sich, keine Kategorie philosophischer Natur, sondern anfaßbar, etwas, auf das man zuläuft, das man die Hand nimmt, das man schnell noch in den Koffer packt, ein Objekt der Begierde oder ein Amulett, diese Art von Ding meine ich, und auch diese Art von Ding, die einen an etwas oder jemanden erinnert … a cigarette that bears a lipstick’s traces, an airline ticket to romantic places … these foolish things remind me of you … Ich stoße mich an Dingen meiner Umgebung, wie heute  morgen beim Bettenmachen an dem alten Überseekoffer meiner Großmutter. Manchmal verursacht das einen blauen Fleck, manchmal einen Gedankenfluß, mit dem ich fünf Minuten zuvor  noch nicht gerechnet habe: Ich sehe sie vor mir, auf einem Photo aus den zwanziger Jahren, im Hamburger Hafen an einer Reling stehend mit meiner kleinen Mutter an der Hand. Ich ziehe ein altes T-Shirt von meinem Geliebten an, der sich gerade auf dem Weg nach Termes befindet, setze mich an den Laptop und erwische die Hauptfigur meines in Arbeit befindlichen Romans dabei, wie sie durch fremde Häuser schleicht, sich die Dinge dort anschaut, sie vorsichtig berührt und wie in einer Initiation plötzlich begreift, daß die Dinge von Menschen handeln, oder, sähe man es aus der Perspektive der Dinge, mit Menschen handeln. Sie stehen für sie, sie stehen für sie ein, sie bergen das Geheimnis ihrer Eigentümer, und sie entlarven sie – durch ihren Zustand, den Umgang mit ihnen oder allein dadurch, daß sie vorhanden sind (oder fehlen). In meiner Neigung zu den Dingen bin ich auf ein Buch gestoßen, das in seiner seltsamen Anmutung so tut, als sei es ein Auktionskatalog. Dabei ist es ein Roman. Der Roman tut so, als handle er von Dingen. Aber das tut er nicht. Er handelt von den Menschen hinter den Dingen. Die Dinge erzählen eine Liebesgeschichte, wie sie das häufig tun, selbst dann noch, wenn sie auf einer Müllhalde den Schredder erwarten. Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck kommen in einer fiktiven Versteigerung unter der Leitung von Leanne Shapton am 14. Februar 2010 in New York unter den Hammer. Die schwarz/weiße Bestandsaufnahme einer Liebe hat Furore gemacht, als erstaunte man sich plötzlich über eine Welt, in der man selbstverständlich gelebt hatte, ohne sie je wahrzunehmen: die Welt der Dinge, deren Stand etwas über ihren Lauf erzählt. Das Merkwürdige ist, daß Dinge das immer tun und wir sie nur selten beachten, nur dann beachten, wenn jemand plötzlich fehlt, wenn etwas zu Ende geht oder jemand stirbt. Und jetzt auf einmal gibt es nichts mehr, was uns gehört, weil es uns nicht mehr gibt, und die verwaisten Dinge werden aufgeteilt … heißt es in dem neuen Roman von Anna Mitgutsch. Aber sind sie wirklich Waisen, die Dinge? Sind nicht vielmehr wir die Waisen, verloren im eigenen Leben, das plötzlich auseinanderfällt, weil wir die Dinge nicht mehr besetzen können mit den Erzählungen, die die Gefühle hüten wie Reliquienschreine? Die Dinge plöztlich in alle Winde verstreut sind, wir nackt, und der größte Schmerz offenbart sich in der Erinnerung, wenn wir uns bewußt werden, daß mit dem Verlust der Aura der Dinge auch wir einander verloren gegangen sind. Davon jedenfalls spricht in Bedeutende Objekte … die von Harold an Lenore zwei Jahre nach der Trennung des Paares geschriebene Postkarte. Vor genau einem Jahr sind wir uns zufällig in der Oyster Bar über den Weg gelaufen und als wir dann spätnachts nach Hause  spazierten, hast Du mich gefragt: Hast du jemals eine Beziehung beendet und es hinerher bereut? Ich habe darauf nicht geantwortet. Aber heute wünschte ich, ich hätte … Die bedeutenden Dinge sind doppeldeutig: Sie bedeuten etwas und sind bedeutend für dieses Paar. Sich in die Welt verstreuende Zeugen. Natürlich gibt es auch andere auratische Erfahrungen, die uns unser Leben, schlimmer noch, unsere Lieben erinnern machen, Gerüche oder Geschmack. Sie sind ephemer und haften uns doch an. Sie lassen sich weder sammeln noch weggeben und kommen ebenso zufällig wie unumgänglich zurück. Dinge dagegen haften nicht an. Sie sind eigenständiger, als wir denken, und auch wenn sie in diesem Katalog der Liebe als Lose aufgelistet sind, behalten sie ihre eigene Strahlkraft, die über das Paar, das sie zur Auktion gibt, hinausreicht. Sie regen auch uns, die diese Dinge in der Betrachtung fiktiv ersteigern und sie damit eingemeinden in das eigene Leben, an. Das begreift auch  meine Figur, als sie durch die fremden Häusern stromert, und ohne um die Magie der Dinge zu wissen, ohne zu wissen, daß in atavistischen Ritualen und schamanischen Praktiken, im Aberglauben und in der Semiologie Dinge immer Bedeutungen haben, ahnt sie, die noch ein Mädchen ist, daß mehr um die Dinge ist als das bloße Material. Es ist ein großes Geheimnis, daß die Ansammlung von Molekülen in einer bestimmten Form unser Gedächtnis in Aufruhr bringt, uns Tränen, Äußerungen und Gesten entlockt und die Sehnsucht nach etwas, das vergangen ist – wie Harold in seiner letzten Postkarte schreibt. Ich wünschte, ich hätte … Der Lauf der Dinge sagt, daß das nicht mehr möglich ist. Es sei denn, man finge mit anderen Dingen von vorne an.“ Mir wurde bei diesem kleinen Text ganz merkwürdig zu Mute. Unwillkürlich fragte ich mich: Weiß Barbara Bongartz mehr über Prada Soms Verschwinden, als sie bereit ist, zu sagen? Und wenn ja, warum verschweigt sie es dann?

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